01.12.25

Chile 2025

Vier Wochen, acht Paddler, acht Boote, zwei Autos und ein riesiges Land voller Bäche!

Rio Palguin Isabelle

Über ein halbes Jahr im Vorraus hatten wir die ersten Details geplant, Flüge gebucht und Fahrzeuge gemietet. Dann ging es Mitte November endlich los!
Von Frankfurt aus flogen wir mit Booten, Paddeln und Campingausrüstung beladen über Madrid nach Santiago de Chile, wo wir vormittags ankamen!
Dort mussten dann erst einmal organisatorische Dinge geklärt werden. Die Autos wurden abgeholt und irgendwie all das Gepäck darauf verladen. Wir hatten uns für einen Pick up und einen SUV mit Dachreling entschieden. Der erste Stopp war also ein Baumarkt, um Werkzeuge und Holzlatten für einen Dachgepäckträger und einen Ladeflächenaufbau zu besorgen. Dass unsere Spanischkenntnisse stark begrenzt bis nicht vorhanden waren, stellte sich als deutliches Hindernis heraus, denn in Chile sprachen die wenigsten Leute Englisch. Ein Teil unserer Gruppe hatte für einige Monate auf dem Handy mit Duolingo Spanisch gelernt, das half in vielen Situationen für das gröbste, aber tiefergehende Fragen und Gespräche waren schwierig. Zum Glück waren die meisten Menschen, die uns begegneten super hilfsbereit gewesen und wir schaffen es mit Händen und Füßen, aber natürlich auch viel mit online Übersetzern, uns zu verständigen.
Den nächsten Tag hingen wir noch in Santiago fest, da zwei der Kajaks in Madrid liegengeblieben waren und erst nachgeliefert werden mussten. Wir übernachteten auf einem Campingplatz hinterm Flughafen, der erstaunlicherweise sehr ruhig war.
Wir nutzten die extra Zeit zum Ankommen, machten uns mit den Supermärkten vertraut, besorgten uns SIM Karten mit Internet und besuchten ein weiteres Mal den Baumarkt. Eines der Boote war beim Flug beschädigt worden und hatte nun einen 10 cm langen Riss in der Seite. Wir schaffen es ihn mit einem Lötkolben wieder zu zu schweißen.
Da fragt sich jetzt vielleicht der ein oder andere, wer kommt denn auf so eine Idee? Wer macht bei so was mit? Hier sind sie, aus Mannheim, Stuttgart und dem hohen Norden Hessens versammelten sie sich, um Boot fahren zu gehen:

Katrin – warf die Idee in den Raum, Hauptorganisatorin
Martin – kennt noch jeden Stein von vor 30 Jahren
Daniel – Benzinkocherexperte und Ruhepol
Tilman – Kamera und Drohnenspezialist
Niclas – kennt jedes Holz und jedes Meme
Philipp – zuständig für die Musik
Isabelle – setzt sich für alles Rechtliche ein
Ivette – Schweißmeister (es war sehr warm)

Tilman

Endlich konnten wir die große Stadt verlassen! Unser erster Bach war der Rio Maipo mit herrlich naturtrübem Wasser. Wir stiegen auf den unteren Abschnitt ein und wurden von ordentlichem Wuchtwasser begrüßt, wobei die Schwierigkeit zum Ende hin etwas nachließ. Die Strecke endete direkt an einem Campingplatz, auf dem wir nach einem Second Run unsere Zelte aufschlugen.
Auch den oberen Abschnitt des Rio Maipo bepaddelten wir. Der war von der Schwierigkeit her etwas höher als die untere Strecke, was einfach nur bedeutete, dass der Abstand zwischen den dicken Walzen und Löchern kleiner war. Man konnte wunderbar über den Rio Yeso, einen schmalen spritzigen Seitenbach, einsetzten.
Auf einem Nachmittagsrun auf dem unteren Maipo erwartete uns dann eine Überraschung. Es fand ein Rennen statt und immer mehr Paddler kamen zur Einsatzstelle. Zwei Leute aus unserer Gruppe entschieden sich spontan teilzunehmen, der Rest schloss sich dem Sicherheitsteam an, um Kenterer wieder einzusammeln.
Aktionen wie diese seien in Chile sehr üblich, um für die Erhaltung der Bäche zu demonstrieren. Leider gewannen wir nicht, es war trotzdem ein großer Spaß!
Unser nächstes Ziel war der Rio Claro mit seinem kristallklarem Wasser und der beeindruckenden Gesteinsstruktur. Nachmittags kamen wir bei den Cabañas an, in denen wir übernachten würden, und der Besitzer Pedro übernahm zusammen mit einem Gast aus Argentinien alles organisatorische für uns, dass wir es noch auf die Siete Tassas (Sieben Tassen) schafften. Der Einstieg zu der Strecke lag in einem Naturschutzgebiet. Unsere Boote mussten vorher desinfiziert werden. Dann ging es so steil in die Schlucht hinein, dass Pedro uns abseilen musste. Der Abschnitt war recht kurz und bestand aus sieben Wasserfällen verschiedener Höhen mit maximal 6 m. Gleich der erste war recht hoch und das Wasser floss etwas seitlich ab, es war also gleich große Konzentration gefragt. Auch beim Ausstieg ging es wieder steil nach oben, hier aber größtenteils über eine Treppe!

Abends wurde ein großes Lagerfeuer angezündet und wir saßen mit Pedro und einigen anderen Gästen zusammen. Unter Paddlern war Englisch glücklicherweise weiter verbreitet als wir das bisher erlebt hatten.
Für die, die noch mehr Wasserfälle paddeln wollten, ging es am nächsten Tag mit einer großen Gruppe Chilenen, Franzosen und anderen Gästen auf den Abschnitt Ventidos Saltos (22 Wasserfälle) auch hier war gute Kenntniss des steilen Einstieges gefragt!
An diesem Abend wurde dann gemeinsam auf dem Lagerfeuer gegrillt, und es gab eine Auswahl an leckeren Chilenischen Salaten.
Wir setzten unseren Weg in Richtung Pucon fort. Je weiter wir in den Süden kamen, desto grüner wurde die Natur. Wir versuchen so viel zu Paddeln wie möglich. Leider gab es in diesem Jahr nur wenig Wasser und viele Bäche fielen daher raus. Trotzdem schafften wir es fast jeden Tag im Boot zu sitzen!

Rio Petrohue Martin

Der untere Abschnitt des Rio Ñuble war uns etwas langweilig, viel Flachwasserpaddeln mit gelegentlichen 2-3 er Stücken. Beim Rio Bio Bio hatten wir die größten Schwierigkeiten überhaupt zum Bach zu kommen. In Chile ist es leider so, dass jedes Stück Land privatisiert ist, meistens auch umzäunt. Um an den Bach zu kommen, ist man also auf offizielle Einstiege, Schleichwege oder die Gunst der Eigentümer angewiesen. Zum Glück waren die sehr oft freundlich, nur hier am Bio Bio gerieten wir an ein paar Furien. Schließlich gaben wir auf und versuchten es einige 100 m weiter, wo wir dann mehr Erfolg hatten. Der Abstieg war steil, aber wir wurden mit einem wunderschönen Abschnitt WW 3-4 mit grandioser landschaftlichen Kulisse belohnt. Am Ausstieg warteten noch die natürlichen Becken von heißen Quellen auf uns.
Südlich davon lagen noch der Rio Truful Truful, ein schmaler, spritziger 3-4 er Bach im Grünen und der Salto Blanco Sur, ein 10 m hoher Wasserfall, den aber nur ein kleiner Teil der Gruppe besuchte. Der Rest kümmerte sich um einen neuen Reifen, denn wir hatten unseren SUV mit heruntergefahrenem Profil bekommen und uns einen Nagel eingefahren. In der Region um Pucon blieben wir dann einige Tage. Neben Autowerkstätten gab es hier nämlich auch ein tolles Paddelangebot.
Wir campten oberhalb des Rio Palguin und mussten nur einige Minuten mit den Booten den Berg hinunter wandern, um zu dem wundervollen Wasserspielplatz zu gelangen. Die kurze Strecke bestand aus drei Wasserfällen, der höchste 6 m hoch. Der erste war mehr eine Doppelstufe. 1 m die erste, dann 4 m paddeln dann noch mal eine 3 m Stufe. Diese Stelle konnte man wieder hochtragen und so verweilten wir dort eine ganze Zeit und drehten unsere Runden. Am Ausstieg ging es dann ein gutes Stück steil den Berg hoch und wir kamen wieder bei unserem Campingplatz raus.

Rio Bio Bio Tilman

Ganz in der Nähe befand sich auch der Rio Trancura. Das obere Stück hatte eine Schwierigkeit von WW 3-4 mit einigen 4 er Stellen. Alles eingepackt in eine wunderschöne Landschaft mit beeindruckenden Ausblicken auf den Vulkan. Das 5 er Stück konnten wir links umtragen, dahinter folgte ein Abschnitt mit heftigem Wuchtwasser. Weiter ging es auf dem unteren Stück, das dann etwas leichter war, mit großen Wellen, die viel Spaß machten.
Nach einem weiteren Spieltag am Palguin fuhren wir weiter an den Rio Fuy. Bei Regenwetter setzten wir am oberen der beiden Einstiege des unteren Abschnittes ein, wodurch wir vor dem WW 3 Abschnitt noch einige 4 er Stellen mitnehmen konnten.
Bei wieder besser werdendem Wetter paddelten wir am Folgetag den oberen Abschnitt. Wir setzten am See ein und genossen das unglaublich klare Wasser.
Der Bach nahm langsam Fahrt auf, die Stellen steigerten sich in ihrer Schwierigkeit bis man schließlich zur ersten Stufe kam. Der Rio Fuy hatte einiges an Wasserfällen zu bieten. Der höchste auf dieser Strecke hatte 6 m und erstreckte sich über die gesamte ausgedehnte Flussbreite.
Nach der Paddeltour stand ein bisschen Sightseeing auf dem Programm. Wir betraten einen der kleinen Nationalparks und besichtigen den 35 m hohen Salto del Puma, der wohl auch paddelbar war, wir begnügen uns aber damit, die Stelle ausführlich zu scouten und professionell von der Abrisskante herunterzustarren.

Rio Trancura Martin

Vor der Weiterfahrt gönnten wir uns einen morgentlichen Run auf dem oberen Fuy, nachdem wir von streunenden Hunden von unserem Schlafplatz vertrieben worden waren. Sie waren zwar friedlich gewesen, aber leider auch etwas zu überzeugt davon, dass sie mit uns Frühstücken dürften.
Den nächsten Zwischenstopp machten wir am Rio Riñinahue, wo es eine kurze Strecke mit drei Wasserfällen gab. Nur zwei wagemutige Paddler stürzten sich da hinunter und anschließend mussten sie ein Stück über den See fahren, um an einen öffentlichen Strand zu gelangen. Der war dann aber auch perfekt zum Baden, mit wunderschön klarem Wasser, umringt von hohen Bergen.
Dass sich der Zugang zum Rio Petrohue als schwierig gestalten könnte, davon hatten wir bereits gehört, beim Einsetzen in einen flachen Nebenfluss hatten wir dann aber keine Probleme auf den unteren Abschnitt zu gelangen. Vom Wildwasser her lohnte es sich leider gar nicht, viel Flachwasser und nur ab und zu ein paar Wellen. Die Aussicht auf den Vulkan war durchaus beeindruckend, wenn er denn mal zwischen den Wolken hervorkam.
Nachdem wir ausgestiegen waren, mussten wir unsere Boote dann aber gut 5 km über eine Schotterstraße tragen, nur um dann von einer Parkdame angemacht zu werden, weil wir keinen Eintritt gezahlt hatten…
Wir besichtigten noch die beiden Kernstellen des oberen Stückes, trafen andere Paddler, die uns die Linien erklärten und kamen am nächsten Tag zum Paddeln zurück.
Die Struktur des Baches war beeindruckend. Es lagen riesige Felsen im Bachbett, um und über die sich das Wasser seinen Weg bahnte. Dadurch wurde es schnell unübersichtlich, sodass wir uns bei unserem ersten Run vorsichtig weitertasteten. Vor allem die Kernstelle war ein Highlight. Wir mussten zwar ganz außen die Chicken Line entlangrutschen und eine Stelle umtragen, aber sehenswert war sie mit ihren Felsblöcken, zwischen denen das Wasser hindurchbrodelte allemal! Die Stelle war so riesig und unzugänglich, dass man sie nur mit der Drohne wirklich überblicken konnte!

Rio Fuy Tilman

Nachdem wir die Strecke einmal gepaddelt waren, ging der Second Run deutlich schneller. Anschließend fuhren wir mit dem Auto weiter bis zu einem See, wo wir mit der Fähre zum Puelo übersetzten. Die einzige Schotterstraße leitete uns bis zum Campingplatz La Pasarela, der ideal an den steilen Klippen der auslaufenden Schlucht lag. Hier befanden wir uns im Paddler Paradies! Wir trafen viele neue Kajak Kollegen, darunter auch eine deutsche Gruppe!
Nacho, der Leiter des Platzes, den man im europäischen Sommer als Guide an der Soca antreffen kann, schloss sich gerne Paddlern an, die die WW 5 Wuchtwasser Schlucht paddeln wollten.
Als Alternative dazu gab es die unteren Strecken des Rio Puelo mit WW 2 und WW 3 mit sehr schönen, hohen und kräftigen Wellen. Der Ausstieg war aber definitiv Schwierigkeit 5, so steil ging es da nach oben!
Wenn man mal nicht am Paddeln war, aber trotzdem der Hitze unter den Schattenbäumen entkommen wollte, konnte man auch wunderbar von den Klippen ins Wasser springen. Von 3 m bis 15 m gab es verschiedenste Höhenabstufungen, sodass man sich langsam an seine Grenzen herantasten konnte. Zusätzlich konnte man auch von der 8 m hohen Brücke, oder als Krönung von der großen 20 m Brücke springen! Alle Höhenangaben wurden fachmännisch mittels Wurfsack ermittelt!
Es war also gar nicht schwer, hier die letzten Tage unseres Urlaubs zu verbringen!
Leider kam das Ende dann aber viel zu schnell und wir mussten den Rückweg einschlagen. Wir legten einen Zwischenstopp in Valdivia ein, wo wir zumindest einmal kurz ins Meer sprangen. Dann ging es weiter an den Rio Palguin, den wir uns als unseren letzten Bach in Chile ausgesucht hatten. Ob man es glauben will oder nicht, hier hatten wir wieder einen Platten und stoppten bei der gleichen Werkstatt, die uns auch beim ersten Mal geholfen hatte!
Nach einem wunderbaren halben Tag am Palguin fuhren wir weiter in Richtung Santiago. Wir verbrachten die letzte Nacht bei Pablo, den wir am Rio Claro kennengelernt hatten, und der uns in Aussicht gestellt hatte, dass er einiges von unserer Paddelausrüstung abkaufen würde. Das Angebot hatten wir gerne angenommen, nicht nur um unser Gepäck zu erleichtern, sondern auch weil die Preise recht gut waren! Nur der Währungsunterschied machte das ganze unnötig kompliziert.
Unsere Abreise verlief dann leider nicht so reibungslos. Zuerst wollte die Autovermietung eine Nachzahlung haben, denn bei den ganzen Schotterstraßen war unser SUV stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Das war uns aber von vorne herein bewusst gewesen, weshalb wir ein voll umfassendes Versicherungspaket bei der Buchung abgeschlossen hatten, also blieben wir standhaft. Nachdem wir die lange Wartezeit bis zu unserem Abflug dann totgeschlagen hatten, verkündete man uns am Gepäckschalter von Iberia, dass wir unsere Boote nicht mitnehmen durften. Wir hatten uns allerdings die Mitnahme im Vorhinein extra bestätigen lassen, also diskutierten wir stundenlang mit dem Flughafenpersonal, doch es half nichts. Als Notlösung kontaktieren wir Pablo, der auf die Schnelle einen Kumpel mobilisieren konnte, der mitten in der Nacht die Boote abholen kommen wollte. Uns rannte die Zeit davon, wir packten alles aus den Booten raus, banden Paddel und was sonst nicht in die Taschen passte zu einem unförmigen Paket zusammen, welches die Fluggesellschaft dann ohne Wenn und Aber akzeptierte. Gestresst, erschöpft und wütend verließen wir also unsere Boote und hetzten durch die Sicherheitschecks zum Flugzeug.

Rio Palguin Tilman

Auch wenn die Reise unschön geendet hatte, so hatten wir doch eine tolle Zeit gehabt. Und das ist es, was nach etwas Abstand zu der ganzen Sache, überwiegt!
Chile ist ein wunderschönes Land mit atemberaubender Natur. Leider wird der Zugang dazu oft durch die massive Privatisierung beschränkt, was absolut schade ist!
Nichtsdestotrotz kann man dort eine Menge Spaß haben! Die Leute sind toll, das Wildwasser macht Spaß und die Umgebung ist beeindruckend! Die Campingplätze und Schlafmöglichkeiten waren sehr einfach und frei gestaltet, was mir sehr gut gefallen hat! In den großen Supermärkten fanden wir alles was wir brauchten, um uns leckere Gerichte zuzubereiten, aber auch in kleineren Läden bekam man das Nötigste und ein Besuch an einem Obst- und Gemüsestand lohnte sich auch jedes Mal. Auf jeden Fall ein Ort, an den man gerne wieder zurückkehren möchte. Ob ich allerdings so schnell wieder mit einem Boot fliegen will… das weiß ich jetzt nicht!

Text: Ivette Völkel

Bilder: Tilman Wächtler, Martin Groh